Sara, Rebecka und eine Flasche voll Tränen - die Selbstheilungskraft der Emotionen

Sara, Rebecka und eine Flasche voll Tränen - die Selbstheilungskraft der Emotionen

Eine maßgebliche Sache, mit der wir Menschen uns zielsicher von uns selbst und anderen trennen und schließlich unglücklich machen ist die Frage nach dem „Warum“?

Vielleicht kennst du diese Situation: Du erzählst jemandem etwas und die Person hört dir nicht richtig zu. In dem Moment, in dem du die Abwesenheit des anderen wahrnimmst, geht in der Kürze eines Wimpernschlags das Ratespiel in deinem Kopf los: „warum hört er nicht zu?“, „ist das, was ich erzähle langweilig?“, „habe ich etwas falsch gemacht?“, „nehme ich gerade zu viel Raum ein?“.

Und so nimmt die Denkschleife Fahrt auf und entfernt dich weiter von deinem Gegenüber. Dabei hast du nur eine Millisekunde den Kontakt mit dem verloren, was in diesem Moment präsent war: das Gefühl von riesengroßer Unsicherheit. Sie hätte euch verbinden können. Hat es in diesem Beispiel aber nicht. Der Kopf war schneller.

Unser Kopf ist der Intimitäts-Killer Nummer Eins

Das Gleiche passiert paradoxerweise, wenn wir bewusst versuchen, uns selbst näher zu kommen - Stichwort „Selbstliebe“. Ich erlebe das immer wieder bei mir selbst und sehe es tagtäglich bei meinen geliebten Coachees.

Sobald in einer Session eine intensive Emotion aufsteigt, setzt der Kopf ein und versucht, die Situation samt Gefühl zu kontrollieren: „warum bin ich plötzlich so wütend“, „woher kommt diese Wut?“ und gleich darauf „was mache ich jetzt mit der Wut? gefolgt von „wie werde ich sie bloß schnell los?“ und schließlich „gib mir ein Tool!“

Das Hinterfragen dessen, was ist, katapultiert uns zwangsläufig aus der Nähe zu uns selbst und anderen heraus.

Die Antworten, die unser Kopf zur Situation ausspuckt sind entweder Hypothesen über die Realität oder führen zur Suche in der Vergangenheit, z.B. „weil meine Eltern so und so waren, bin ich jetzt so und so“. In jedem Fall führt sie weg von dem, was jetzt ist.

Der Haken ist, dass die ungelösten Probleme, zum Beispiel mit den Eltern, im Hier-und-Jetzt stattfinden – in der Beziehung zu uns selbst und anderen. Was damals wehtat, tut heute immer noch weh. Und das will endlich raus, damit Frieden einkehren kann, auch mit unserem scheinbar gelangweilten Gegenüber.

Was hat das jetzt mit Sara, Rebecka und der Flasche voll Tränen zu tun?

Die beiden sind die Protagonistinnen in dem Buch „Gras unter meinen Füßen“ von Bruno-Paul De Roeck und haben etwas ausprobiert, das die Selbstheilungskraft unserer nackten Emotionen auf herrliche Art und Weise ausdrückt:

Sara und Rebecka wohnten in Zimmern übereinander und hatten beide sehr viel Kummer. Eines Tages begegneten sie sich auf der Treppe. Sie verstanden einander sofort und sie begriffen, dass man nicht ständig seinen Kummer hinunterschlucken kann.

Seitdem hat Rebecka, die oben wohnt, siebzehn Fläschchen auf dem Kaminsims stehen, um darein die Tränen weinen zu können. Jedes Fläschchen hat einen Aufkleber. Auf dem einen steht: „Weil meine Eltern mich nicht haben studieren lassen.“ Auf dem zweiten : „Weil mein Mann mich verlassen hat. Auf dem dritten: „Weil ich so alleine bin“ usw., siebzehn Fläschchen in einer Reihe.

Sara, die unten wohnt, hat seitdem eine Flasche stehen mit der Aufschrift: Tränen. Nach neun Monaten begegnen sie sich wieder einmal auf der Treppe und setzen natürlich ihr Gespräch fort: „Wie steht es mit deinem Kummer?“

„Es war eine ganze Menge“, sagt Sara, „meine Flasche ist ganz voll. Welche Erleichterung!“

„Meine siebzehn Fläschchen sind noch trocken“, sagt Rebecka. „Wenn ich merke, dass mir die Tränen kommen, versuche ich gleich festzustellen, warum ich weinen muss, damit ich weiß, in welches Fläschchen sie gehören. Aber wenn ich das richtige „Weil“ und die dazugehörige Flasche „im Auge habe“, ist weit und breit keine Träne vorhanden.

Es ist der nackte emotionale Ausdruck, der uns aus unserem Kopf-Knast befreit und uns wieder zu lebendigen, (mit-)fühlenden Wesen macht; zu Menschen, die laut „NEIN“ sagen, wenn ihr Herz es diktiert und laut „JA“ sagen, wenn die Sehnsucht ruft.

Einen besseren Kompass und einen schöneren Frieden als der, der unter Wut, Zorn und Kummer liegt, habe ich noch nicht entdeckt.

Ich weiß, dass diese Öffnung für das, was in uns brodelt eine mutige Angelegenheit ist. Ich weiß auch, dass es sich beängstigend und orientierungslos anfühlt, wenn man mitten in der emotionalen Waschmaschine steckt aber ich weiß auch, dass es sich bisher immer gelohnt hat, die Komfortzone im Kopf zu verlassen.

Trau dich!

Wenn du mehr von Bruno-Paul De Roeck lesen willst, kannst du das Buch hier auf Amazon bestellen (ich erhalte über den Link eine kleine Provision). Auch wenn der Untertitel „Eine Einführung in die Gestalttherapie“ lautet, ist es absolut keine Fachlektüre, sondern ein Buch, das Spaß macht.

Und zum Schluss noch eine Ankündigung: Ich lese diesen ganzen Kram ja nicht nur, sondern versuche es auch zu leben und weiterzugeben. Die nächste Möglichkeit, diese Arbeit selbst zu erfahren gibt es bei meinem Wochenendworkshop „Lebe deine Herzenswahrheit“ in Berlin. Alle Infos und Anmeldung findest du in der Veranstaltungsbeschreibung.

Ich freue mich schon drauf!

Von Herz zu Herz,

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