Weibliche Spiritualität: feminine Urkraft aktivieren und mit maskuliner balancieren

Weibliche Spiritualität: feminine Urkraft aktivieren und mit maskuliner balancieren

Bei Spiritualität denken viele Menschen an Gurus, Religionen und die Abkehr vom Weltlichen hin zum Unendlichen. Diese Assoziationen entspringen einer männlich geprägten spirituellen Tradition. Kennzeichnend für diese Form der Spiritualität ist die Ausrichtung auf ein Ideal, das es zu erreichen gibt, wie etwa die Erleuchtung oder das Nirwana. Als Mittel kommen Disziplin, Askese, Ausdauer und Konzentration zum Einsatz. Doch Spiritualität hat noch ein anderes Gesicht.

Dieses Gesicht ist der Welt zugewandt. Es liebt das Vergängliche – die Geburt, den Tod, den menschlichen Körper und alle anderen Formen, welche die Natur hervorbringt. Es ist ein sinnliches Gesicht. Eines, das wir verkörpern, wenn wir das Gefühl feuchter Erde unter unseren nackten Füßen spüren oder der Klang einer Symphonie Gänsehaut erzeugt. Es ist ein mitfühlendes Gesicht. Wir erkennen es in anderen, wenn sie unsere unperfekte, menschliche Seite umarmen. Es ist die weibliche Seite der Spiritualität.

Weibliche Spiritualität in Abgrenzung zu männlichen Formen

Weibliche Spiritualität ist der natürliche Gegenpol zur männlichen Spiritualität. Das hat nichts mit dem Geschlecht oder der sexuellen Orientierung zu tun, sondern ist für jeden Menschen relevant. Männlich und weiblich sind Urerfahrungen, die wir alle in uns tragen. Während männliche Ausdrucksformen spiritueller Hingabe nach dem Ideal streben und sich für dieses Ziel von der menschlichen Seite abwenden, wendet sich die weibliche Seite dem Weltlichen zu. Ein Archetyp, der diese weibliche Qualität repräsentiert ist zum Beispiel die Große Mutter, die in verschiedenen Religionen als Erdgöttin und Fruchtbarkeitsgöttin verehrt wird. Ihr Hoheitsgebiet ist der Boden und seine Bewohner, inklusive aller Tiere und Pflanzen. Sie sorgt für das Wohlergehen von Mensch, Tier und Natur, spendet ihnen Fruchtbarkeit und gewährleistet den Kreislauf des Lebens. Das inneliegende Muster, das sich durch diesen weiblichen Archetyp offenbart ist: Geburt-Wachstum-Reife-Tod und Wiedergeburt.

Ausdruck von weiblicher Spiritualität

Doch wie drückt sich eine zeitgemäße weiblich geprägte Form der Spiritualität aus? Diese Frage drängte sich mir auf meinem eigenen Weg zur Selbsterkenntnis auf. Es war für mich offensichtlich, dass die großen Weisheitstraditionen, so reich sie auch sein mögen, von Männern für Männer geschaffen waren. Egal, in welche von ihnen ich reinschnupperte, es begegnete mir immer der Zugang über den Geist. Im Zen-Buddhismus wird zum Beispiel mit sogenannten Koans gearbeitet. Das sind paradoxe Anekdoten, die vom Zen-Lehrer an den Schüler herangetragen werden mit dem Ziel, den Geist zu öffnen. Ein anderes Beispiel ist die Vipassana-Meditationstechnik, die das Selbst durch konzentrierte Aufmerksamkeit beobachtet und erforscht.

Ich spürte tief in mir, dass das nicht mein Zugang zur spirituellen Dimension des Lebens ist. Doch es war nicht nur der Fokus durch den Geist, der mich nicht ansprach, sondern auch die auf Disziplin basierende, strukturierte, lineare, auf etwas hingerichtete Praxis der verschiedenen Traditionen.

Als ich schließlich losließ und mich treiben ließ fühlte ich mich zu einem Tanzworkshop hingezogen. Umgeben von Profitänzern bewegte ich meinen Körper das erste Mal von innen heraus und spürte plötzlich eine erschütternde Öffnung.

Diese spirituelle Öffnung über den Körper beschreibt die zeitgenössische Tänzerin Paramjyoti Carola Stieber in ihrem Film „Moving into the Infinite“: „The body-instrument, movement and sensual perception are something very pure to me. It brings me in touch with what is. With that, which does not come and go.“ Für sie ist es der Tanz, mit dem sie die intimste aller Beziehungen herstellt. An einer Stelle im Film sagt sie dazu „dance is the female form of prayer“.

Während also archetyisch gesprochen das Männliche in uns nach der Öffnung des Geistes strebt, möchte das Weibliche in uns das Herz öffnen.

Typische Charakteristika weiblicher Spiritualität

Eine typisch weiblich geprägte spirituelle Praxis wird in dem Buch „Integral Life Practice“ beschrieben: „Always open to the unexpected, the feminine dances with life’s practice moments and bathes in life’s unscheduled jewels. The feminine tends to gravitate towards a more light, playful, and humorous approach to practice – smiling and laughing her way to enlightenment.“ (Integral Life Practice, Wilber, Patten, Leonard, Morelli, 2008).

Den Autoren zufolge entspricht dem weiblichen Prinzip eine natürliche, dynamische, prozesshafte und fließende Entfaltung, die sich durch den Körper offenbart: „A more feminine type follows the natural unfolding of her creative intuition, practicing through unanticipated conversations, nurturing relationships, and natural movements. Feminine energy embodies the dynamic movement and the radiant mystery of a juicy living practice“.

Während das männliche Prinzip das Menschliche überwinden will, möchte das weibliche sich ihm annehmen. Es empfängt den gegenwärtigen Moment mit all den Gefühlen, die darin erscheinen. Es ist die Liebe zum Lebendigen, Zyklischen, Prozesshaften in uns Menschen. Chameli Ardagh, Buchautorin und Expertin für weibliche Spiritualität beschreibt in einem Interview mit Yoga Aktuell diese gefühlsbetonte Seite der Spiritualität: „es ist viel wichtiger, herauszufinden, wie wir den eigenen Gefühlen begegnen können; wie wir sie integrieren und transformieren können. […] Dadurch ist es eher die gegenwärtige Erfahrung von Liebe, die die Sehnsucht stillt. Und genau in dieser Liebe ist eine tiefe Befriedung begründet, wodurch wir alles umarmen können, was das Leben uns bringt. Wir müssen dann nicht mehr kämpfen, sondern können empfangend da sein für alles – liebend, bedingungslos, mit Mitgefühl und Liebe.“

Während das Wort „Weisheit“ das männliche, geistig betonte Prinzip treffend beschreibt, drückt das Wort „Liebe“ den weiblichen Aspekt aus.

Männliche und weibliche Spiritualität in Balance bringen

Jeder Mensch trägt einen weiblichen und einen männlichen Pol in sich. Es ist das Prinzip von Sonne und Mond. Sie beide brauchen einander, wie Ying und Yang sich brauchen, um den unendlichen Kreis des Lebens zu bilden. Zusammen sind sie Shiva und Shakti, die im gemeinsamen Tanz verschmelzen und ganz werden. Erst durch die heilige Hochzeit der Polaritäten in unserem Selbst lösen sich die Gegensätze zu einer Einheit auf. Um es in den Worten des bekannten Psychoanalytikers C. G. Jung auszudrücken: „Wholeness is not achieved by cutting off a portion of one’s being, but by integration of the contraries“.
Hier liegt der Schlüssel zu innerem und äußerem Frieden – für unser persönliches Leben und für die Welt.

Diese innere Einheit könnte sich zum Beispiel so ausdrücken

  • Nach dem Ideal streben UND das Unperfekte umarmen.
  • Ziele anvisieren UND dem Hier-und-Jetzt volle Aufmerksamkeit schenken
  • Den Körper bewegen UND anschließend in Stille sitzen
  • Ein Ziel verfolgen UND es gegebenenfalls loslassen
  • Logik UND Intuition willkommen heißen
  • Rational UND Emotional sein dürfen
  • Konzepte heranziehen UND sie wieder fallen lassen
  • Bedingungslose Annahme UND bewusste Abgrenzung zelebrieren

In der Dokumentation über die inzwischen verstorbene Jungianische Psychoanalytikerin Marion Woodman Dancing in the Flames erzählt Woodman, wie sich die männlichen und weiblichen Anteile in ihrer Psyche vereint haben und wie sich in Folge dieser inneren Hochzeit die äußere Beziehung zu ihrem Ehemann transformierte.

Weibliche Spiritualität in Psychologie, Therapie und Coaching

„Spirit“ ist der Geist, der allem innewohnt. So werden auch Psychologie, Therapie und Coaching von einem Geist bestimmt. In patriarchalen Gesellschaften wie unserer sind diese Bereiche von einem männlichen Geist geprägt. Das erkennt man im Coaching zum Beispiel an der ausgeprägten Lösungsorientierung. Körper und Gefühle finden in diesen geistig betonten Ansätzen, wie zum Beispiel dem systemischen Coaching kaum Beachtung.

Auch die verbreiteten psychotherapeutischen Ansätze konzentrieren sich auf Gespräche, Analyse und Interventionen auf der Ebene oberhalb des Herzen. Der Körper bleibt weitestgehend unberührt. Erst die neueren körpertherapeutischen Ansätze verlagern den Fokus auf die emotionale Ebene des menschlichen Erlebens.

Diese Ansätze sehe ich als Ausdruck eines weiblichen Spirits. Doch auch die Beziehung zwischen Therapeut und Klient ändert sich, wenn das Feminine Einzug in die Arbeit hält. Der Therapeut wandelt sich vom Wissenden und Helfenden zum mitfühlenden Partner auf Augenhöhe. Das asymmetrische Machtverhältnis zugunsten des Therapeuten wird somit durch einen gemeinschaftlich gestalteten Prozess ersetzt.

In meiner Arbeit als ganzheitlicher Coach für Persönlichkeitsentwicklung und Transformationsprozesse erlebe ich selbst täglich, wie wichtig die mitfühlende Beziehung zu meinen Klienten ist. Der erste und wichtigste Kontakt ist ein gefühlter, körperlich spürender Kontakt. Das gilt für die erste Lebenserfahrung genauso wie für die erste Coaching-Sitzung und jeden neuen Augenblick. Ohne diese biophysische Kontaktbasis kann keine tiefgreifende innere Transformation stattfinden.

Wenn die Klientin schließlich lernt, diesen ursprünglichen Kontakt selbst wiederherzustellen gewinnt sie ihr Vertrauen in den eigenen Körper und seine Gefühle zurück. Dieses Einbeziehen der körperlichen Erfahrung ist der Boden für eine ganzheitliche persönliche Weiterentwicklung und spirituelle Öffnung. In diesem Video spricht der Weisheitslehrer Adi Da Samraj über diesen Zusammenhang. Ich beobachte immer wieder, dass der Geist sich öffnet, wenn der Körper sprechen darf.

Die weibliche Urkraft aktivieren und mit der maskulinen balancieren

Zum Abschluss habe ich noch eine Checkliste für euch, an der ihr euch orientieren könnt, welche Seite stärker gelebt werden möchte. Das ist nicht schwarz-weiß zu verstehen, sondern kann in verschiedenen Lebensbereichen ganz unterschiedlich sein. Schließlich geht es um den Tanz der Polaritäten.

Weibliche Lebensenergie aktivieren

  • Sich für die eigenen Gefühle öffnen
  • Der Intuition mehr Raum geben
  • Spontaneität erlauben
  • Sich für das Unerwartete öffnen
  • Vom Kopf in den Körper
  • Mehr Fluss statt Struktur
  • Kontakt mit Tieren, Bäumen und Pflanzen aufnehmen
  • Geschehen lassen, zulassen, loslassen, annehmen, empfangen
  • Das Leben so annehmen, wie es ist
  • Die Sinne öffnen, schmecken, riechen, fühlen, genießen
  • Tanzen, singen, malen, mit den Händen in der Erde wühlen

Männliche Lebensenergie aktivieren

  • Scharfes Urteilsvermögen entwickeln
  • Erkennen, was den eigenen Werten entspricht und danach handeln
  • Lernen, sich bewusst von dem abzugrenzen, was nicht den eigenen Werten entspricht
  • Ehrliche und direkte Rückmeldungen geben
  • Sich seiner Ideale bewusst werden und danach streben
  • Herausforderungen annehmen
  • Disziplin entwickeln
  • Grenzen überwinden
  • Fokus und Konzentration auf das schärfen, was wichtig ist
  • Sich Struktur und Sicherheit geben
  • Meditieren, Ausdauersport, Kampfkunst

Weiterführende Literatur und Filmtipps:

Filme

Youtube-Videos

Bücher

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Herzlich,

Titelbild: Johnny McClung über Unsplash

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